Thursday, 31. december 2009
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03:00
Gleißendes luftiges Licht.
Und da saß sie.
Der Raum war völlig leer. Bis auf einen hellen blanken Steingräber Salonflügel, dessen Deckel geschlossen war. Die schrägstehende Wintersonne schien durch die Fensterfront und tauchte den Raum in
blendendes Licht.
Das bemerkte ich als erstes.
Dann sie. Wie sie auf dem Flügel thronte, die bestrumpften Beine anmutig gekreuzt. Ihr schwarzpolierter Lackschuh wippte in einem unhörbaren Takt. Unhörbar deshalb, weil ihre Beine zu kurz waren
um auch nur ansatzweise die schwarz weißen Elfenbeintasten zu berühren – geschweige denn anzuschlagen.
Sie war überhaupt eine kurze Person. Obschon sie kindliche Züge hatte, war sie sogar für ein Kind zu klein. Ihr Benehmen dagegen war tadellos. Säuberlich und ohne eine Falte war das Kleid um sie
herum gebreitet. Die Schleife in ihrem Haar war weder schief noch ungleichmäßig. Ihr Haar selbst umrahmte ihr Gesicht in adrett gebürsteten ordentlichen Locken.
Sie war die Königin des Flügels.
„Aber hallo! Wer bist denn du?“ Ich dachte, hier könnte mein erwiesener Draht zu Kindern förderlich sein – falsch gedacht. Sie kicherte leise, sah mich aus den Augenwinkeln kurz und prüfend an,
hob ihr Kinn und orakelte: „Die Frage ist, wer bin ich nicht?“
„Oh, verzeiht. Dann sagt mir doch, sitzt ihr schon lange hier?“ – „Was ist schon lange? Willst du etwa Zeit vermessen?“, fragte sie mit strafenden Unterton in ihrer glockenhellen Stimme, als
hätte sie nie von Uhren, Kalendarien und so weiter gehört.
„Nun äh, nicht das ich es mir erlauben würde...“, druckste ich herum, „aber das sollen ja tatsächlich schon mal welche getan haben.. . Ich meine, ich hörte gerade, dass sie erzählten, es solle
schon wieder ein Jahr herum sein... oder ...so äh- .. ähnlich.“
Fast schon mitleidig war nun ihr Blick. Sie schüttelte den Kopf: „Dumm, dumm und dumm seid ihr doch.“
„Ein Jahr sagst du? Dumm“, lautete ihr vernichtendes Urteil.
„Wie kann man so etwas ihn so ein kurzes Wort packen? Etwas so gewaltiges, lebendiges, bedeutungsvolles, unvorstellbares und klitzekleines einfach in vier traurige Buchstaben gepresst. Und nun
macht man daraus die Essenz des Wirkens, die Messlatte aller Dinge und Erwartungen und die Zeitspanne der Verantwortlichkeit. Unbegreiflich.“
Sie schwieg eine ganze Weile und starrte abwesend vor sich hin. Mit einem Mal sah sie mich direkt an: „Verstehst du das!?“
Ich zuckte wie ertappt zusammen. „Äh, ich weiß nicht so genau. Habe mir wohl nie so direkt darüber Gedanken gemacht.“ Eine kleinlaute Zugabe.
„Aber woran ich oft gedacht habe“, versuchte ich die Situation noch irgendwie zu retten, „ist das kommende Jahr - und die Jahre darauf.
Wie das wohl wird? Was mich erwartet? Wie wird es weitergehen? Erfüllen sich alle meine Wünsche? Erreiche ich meine Ziele? Finde ich wonach ich suche? Werde ich glücklich mit dem was ich schon
habe? Brauche ich noch mehr von dem ich jetzt noch nicht weiß was es ist?
Fragen über Fragen - und: Wo ist die Antwort?“
Da sah ich das erste Mal ein Lächeln in ihrem Gesicht. Ganz verhalten und ein bisschen geheimnisvoll.
„Willst du eine Antwort?“
Nun.
Sie wertete meinen ungläubig-gierigen Blick wohl als Zustimmung. Sprang von dem Deckel des Flügels und begann auf den polierten Tasten einen seltsamen Tanz. Graziös und leichtfüßig hüpfte sie von
einer Taste zur Nächsten und entlockte dem Instrument so eine leise gefühlvolle Melodie.
Auf und ab.
Mal schneller.
Dann wieder langsamer.
Meine Lider senkten sich.
Die Musik trug mich davon. Malte mir Bilder in vielen Farben. Ich vergaß. Und erinnerte mich. Stellte Fragen. Und hatte die Antworten bereits. Füllte mich aus. Und erweckte in mir den Wunsch nach
mehr. Und gab mir die Gewissheit, dass nicht mehr ging.
Zufriedenheit. Ruhe. Aufruhr. Lust. Glück
Wie ich dort ging und ob ich mich verabschiedet habe, weiß ich nicht mehr.
Als ich die Augen öffnete war da kein heller Raum. Kein Flügel. Keine Musik. Und sie auch nicht.
Aber ich erinnere mich gern daran zurück.
An die Königin des Flügels.
dazu gepfiffen