Klar gab es 'ne Pause. Klar hab ich mich länger nicht gemeldet. Klar hab ich schon Anfragen bekommen, warum hier nichts Neues kommt. Und klar, dass ich darauf 'ne Antwort habe.
Auszeit genommen.
Weihnachtsstimmung genossen.
Letzten Eintrag behimmelt.
Aber so ein "Ding" ist wie ein Kind. Oder ein Tamagotchie - wenn das noch einer kennt. Es will Aufmerksamkeit und Pflege, wenn es nicht verwahrlosen oder - im schlimmsten Fall - sterben soll.
Ich weiß einfach nicht was ich derzeit thematisieren soll...abgesehen von Weihnachten.
Aber das wird sowieso schon genügend von Kaufhäusern, der Werbung, den Medien und Großmüttern behandelt. Wozu dann noch ich hier euch damit belästigen? (wo ihr wahrscheinlich gerade auf der Flucht
vor dem ganzen Weihnachtsrummel seid - was man niemandem verübeln kann)
Aber was soll's: Ich liebe Weihnachten. Dazu stehe ich nun mal.
Es war nicht so als würde sie nicht bemerken, dass Augenblicke dauerten. Oder dass alle sich danach richteten. Von Minuten, Jahren, Morgen, Bald und Zeitaltern sprachen. Sich
Gedanken über das was war und was noch kommen würde machten.
Das bekam sie alles mit. Und stellte sich vor wie es wäre so gebunden zu sein. So eingeschränkt in ihrem Sein, immer an das denkend, was kommt und immer darauf ausgerichtet möglichst viel ins
Jetzt zu pressen. Das wäre unmöglich.
Sie war einfach.
Schon immer.
Und immer weiter.
Sie hatte schon Sinnfluten, Dürren, Hunger, Beben, Krankheiten und Tod erlebt. Nur nicht an sich selber. Aus der Entfernung. Auch starben schon welche durch sie. Aber das war ihr egal. Sie hatte
keine Meinung zu alldem und dachte niemals darüber nach. Es zog alles an ihr vorbei und hatte keine Bedeutung. Vor ihnen waren schon die Anderen. Und danach würden wieder andere kommen. Einerlei.
Und sie würde immer und immer sein.
Dachte sie.
Da erhob sich eine starke Bö und trug sie übers Land. Sie sah Es kommen und konnte doch nichts dagegen tun als sich hilflos treiben zu lassen. Sie trudelte durch die Luft und Es wurde ihr zum
Verhängnis.
Es saß auch sonst nicht so gut, wie es an der Schaufensterpuppe der Boutique gewirkt hatte. Aber das könnte man ja in Kauf nehmen. Wer schön sein wolle, müsse eben leiden – ein leidiges
Sprichwort, das sich jedes Wochenende wieder bestätigte.
Und als schön könne man sich ja bezeichnen.
Die hohen Stilettos, die nur durch schmale Riemchen am Fuß hingen, zwangen ihren Träger, das gesamte Körpergewicht auf dem Vorfuß auszubalancieren. Und sie machten einen schönen Hintern. Rund und
knackig präsentierte der sich in nichts als dem engen Dress. Die Frisur mit den glänzenden verführerischen Locken wippte im Takt dazu. Für eine Perücke täuschend natürlich. Selbstverständlich
Echthaar. Auch wenn man nicht erkannt werden wollte – Niveau muss sein.
Genauso wie beim Make-up. Das war ebenfalls kein Billigramsch. Die Haut schimmerte weich wie Seide, die Wangen waren künstlerisch auf zart errötet gebracht. Lange dichte Wimpern umkränzten große
kokette Augen. Der Mund glänzte vergleichbar einer roten Kirsche. Selbstsicherheit strahlte aus der Bewegung, der Mimik, den Gesten.
Man fühlte sich wohl hier.
Pulsierendes Licht im Raum. Körper die im Rhythmus zuckten und sich verbogen. Nackte Haut bei dröhnenden Bässen. Aufblitzender Schmuck und flimmernde Mode. Die Sicht beeinträchtigt durch die
Dünste und den Rauch und die Hitze. Die Hitze konnte nur auf eine Art gelöscht werden.
Man bekam Besuch. Zwei attraktive Männer schlenderten auf einen zu.
Sorgfältig frisierte kurze graue Locken umrahmten stets ihr freundlich
lächelndes Gesicht. Sie war groß und sah etwas hager aus. Die Zeit hatte ihren Rücken etwas gebeugt und ihre Schritte verlangsamt. Immer war eine saubere Schürze mit kleinen dezenten Rüschen am
Saum vor ihren knielangen grauen oder braunen Wollröcken gebunden. Aus den Wollröcken ragten dünne Beinchen die einen beachtlichen Kontrast zu den in klobigen Gesundheitsschuhen steckenden Füßen
bildeten.
Ihre Wohnung befand sich direkt im Erdgeschoss neben der Haustür. Hatte sie
Kehrwoche, war der Weg sauber gefegt und das Treppenhaus duftete zitronig. Alle mochten sie. Sorgte sie doch alle Mal dafür, dass die überfälligen Exemplare der Wochenzeitung binnen sechs Tagen
wieder entsorgt wurden. Und klemmte mal wieder die Tür, pinselte sie so lange und ausgiebig den Schließer mit Butter ein, bis alles wieder reibungslos funktionierte. Das Stückchen Garten, das sie
vor ihrer Terrasse mit runden glatten Flusskieseln eingesäumt hatte, brachte im Frühling und auch den ganzen Sommer lang die schönsten Blumen der Nachbarschaft hervor. Bereitwillig teilte sie
ihre Blumenzwiebeln und Samen mit interessierten Anwohnerinnen. Hilfreiche Haushaltstipps kannte sie auch.
Und wir?
Wir liebten sie. Sie hatte nie etwas dagegen, wenn wir ausgerechnet zur
Mittagszeit vor ihrem Fenster Fangen spielen wollten. Sie sprach gerne mit uns – und wir kamen uns dabei sehr erwachsen vor, weil sie uns ernst nahm. Manchmal erteilte sie uns das Privileg, zu
ihr in die saubere nüchterne Wohnung zu kommen und uns im sonnendurchfluteten Wohnzimmer mit alten interessanten Spielen ihrer erwachsenen Kinder zu beschäftigen. Ab und an steckte sie uns etwas
Gutes zu.
Dann war sie plötzlich weg. Wir machten uns nicht all zu viele Gedanken darüber.
Aber als die Blumen in ihrem kleinen Beet verwilderten und die Hecke langsam die Steinplatten der Terrasse überwucherte, fragten wir doch. Sie wäre ins Pflegeheim gegangen, es wäre ja langsam
Zeit und sie hätte mit der Zeit immer mehr Probleme mit dem Einkaufen und Saubermachen bekommen. Nach kurzem Bedauern hatten wir auch das vergessen. Viel später, als wir mal wieder daran dachten,
erfuhren wir, dass sie zwei Wochen nach ihrem Umzug verstorben war. Diesmal waren wir betroffener. Aber Kinderherzen sind schnell wieder froh.
Und so vergaßen wir erneut.
Bis heute.
Als ich heute durchs Treppenhaus ging, sah ich ihn vor unserer Tür
liegen.
Immerzu sehnte sie sich danach sie zu haben. Zu besitzen. Ihre Anmut zu sehen – im vollen Umfang. Und zu bearbeiten.
Sie waren nur so schwer zu beschaffen.
Es musste immer heimlich sein. Niemand durfte es mitbekommen. Sie würden es nicht verstehen. Sie würden es nicht wollen. Wären entsetzt über sie, die doch nur ihre innigsten Bedürfnisse
befriedigen wollte. Die doch nur deren Ebenmäßigkeit, deren Eleganz und Schönheit genießen wollte.
Aber die hier, die waren ihr treu ergeben. Sie würden ihr helfen, noch mehr von ihnen zu beschaffen um deren Reize zu genießen. Sie würden ihr nicht nur helfen, nein, sie würden sich mit ihr
daran ergötzen. Sie würden gemeinsam die Freude auskosten, diesem Schauspiel beizuwohnen. Es sogar mitzugestalten.
Und zurück im wahren Leben wären sie Verbündete. Geschwister eines verborgenen Bundes, sozusagen. Immer wenn sich ihre Blicke träfen würden sie den Gedanken an das Verbotene in den Augen des
Anderen lesen können. Ein einziges Lächeln würde die genussvollen Stunden die sie zusammen mit ihnen verbrachten wieder heraufbeschwören. Nie würden sie vergessen können. Immer würden sie lechzen
nach dem nächsten Mal, nach der Nächsten. Immer eine Steigerung erleben wollen zum letzten Mal.
dazu gepfiffen