Artikel teilen! Ein später Gruß: Sie war eine nette alte Dame. Sorgfältig frisierte kurze graue Locken umrahmten stets ihr freundli ...
| June 2012 | ||||||||||
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Sie war eine nette alte Dame.
Sorgfältig frisierte kurze graue Locken umrahmten stets ihr freundlich lächelndes Gesicht. Sie war groß und sah etwas hager aus. Die Zeit hatte ihren Rücken etwas gebeugt und ihre Schritte verlangsamt. Immer war eine saubere Schürze mit kleinen dezenten Rüschen am Saum vor ihren knielangen grauen oder braunen Wollröcken gebunden. Aus den Wollröcken ragten dünne Beinchen die einen beachtlichen Kontrast zu den in klobigen Gesundheitsschuhen steckenden Füßen bildeten.
Ihre Wohnung befand sich direkt im Erdgeschoss neben der Haustür. Hatte sie Kehrwoche, war der Weg sauber gefegt und das Treppenhaus duftete zitronig. Alle mochten sie. Sorgte sie doch alle Mal dafür, dass die überfälligen Exemplare der Wochenzeitung binnen sechs Tagen wieder entsorgt wurden. Und klemmte mal wieder die Tür, pinselte sie so lange und ausgiebig den Schließer mit Butter ein, bis alles wieder reibungslos funktionierte. Das Stückchen Garten, das sie vor ihrer Terrasse mit runden glatten Flusskieseln eingesäumt hatte, brachte im Frühling und auch den ganzen Sommer lang die schönsten Blumen der Nachbarschaft hervor. Bereitwillig teilte sie ihre Blumenzwiebeln und Samen mit interessierten Anwohnerinnen. Hilfreiche Haushaltstipps kannte sie auch.
Und wir?
Wir liebten sie. Sie hatte nie etwas dagegen, wenn wir ausgerechnet zur Mittagszeit vor ihrem Fenster Fangen spielen wollten. Sie sprach gerne mit uns – und wir kamen uns dabei sehr erwachsen vor, weil sie uns ernst nahm. Manchmal erteilte sie uns das Privileg, zu ihr in die saubere nüchterne Wohnung zu kommen und uns im sonnendurchfluteten Wohnzimmer mit alten interessanten Spielen ihrer erwachsenen Kinder zu beschäftigen. Ab und an steckte sie uns etwas Gutes zu.
Dann war sie plötzlich weg. Wir machten uns nicht all zu viele Gedanken darüber. Aber als die Blumen in ihrem kleinen Beet verwilderten und die Hecke langsam die Steinplatten der Terrasse überwucherte, fragten wir doch. Sie wäre ins Pflegeheim gegangen, es wäre ja langsam Zeit und sie hätte mit der Zeit immer mehr Probleme mit dem Einkaufen und Saubermachen bekommen. Nach kurzem Bedauern hatten wir auch das vergessen. Viel später, als wir mal wieder daran dachten, erfuhren wir, dass sie zwei Wochen nach ihrem Umzug verstorben war. Diesmal waren wir betroffener. Aber Kinderherzen sind schnell wieder froh.
Und so vergaßen wir erneut.
Bis heute.
Als ich heute durchs Treppenhaus ging, sah ich ihn vor unserer Tür liegen.
Einen Brief von Kabel Deutschland.
Empfänger:
Frau Kathi Pollach.
dazu gepfiffen